Angst, Traurigkeit und Depressivität sind normale Reaktionen auf die Konfrontation mit einer Diagnose der Tumorerkrankung ebenso wie bei dem Verlauf einer Tumorerkrankung. Typischerweise ist eine Angstreaktion z.B. nach Diagnose für 7 bis 10 Tage eine normale Reaktion. Allerdings kann sich eine Angstreaktion auch „verselbständigen" und persistieren, was zu einer zusätzlichen Beeinträchtigung der Lebensqualität führen kann. Festgestellt wurde, dass Patienten, die drei Wochen nach Diagnose weiterhin unter Angst litten auch nach weiteren 6 Monaten diese Angst haben.
Angst
# Einleitung
# Wissen aus klinischen Studien
Die Auswertung der klinischen Studien zu den einzelnen Verfahren ergibt folgendes Bild (Stand 2026):
einen Beleg für die Wirksamkeit von Achtsamkeit (MBSR) bei verschiedenen Krebserkrankungen,
einen Hinweis für die Wirksamkeit von medizinischer Hypnotherapie
einen Anhaltspunkt für die Wirksamkeit von Progressive Muskelrelaxation
Hinweise für die Wirksamkeit von Musiktherapie
Kein klares Bild ergab sich aufgrund der widersprüchlichen bzw. nicht aussagekräftigen Daten für die Bioenergiefeld-Therapie (Reiki).
# Aussagen in deutschsprachigen Leitlinien
S3-Leitlinie der AWMF zur Komplementärmedizin (2024)
Die Leitlinie gibt „kann“-Empfehlungen für Akupunktur, MBSR, Meditation und Yoga zur Reduktion von Angst/Ängstlichkeit bei onkologischen Patientinnen und Patienten beziehungsweise definierten Patientengruppen und Behandlungskontexten. Angst/Ängstlichkeit ist dabei als subklinische Ausprägung zu verstehen, nicht als diagnostizierte Angststörung.
Bioenergiefeld-Therapien, einschließlich Reiki und Handauflegen, sollten zur Reduktion von Angst/Ängstlichkeit bei onkologischen Patientinnen und Patienten nicht empfohlen werden.
Für antroposophische Kunsttherapie und Schwedische Massage liegen zur Reduktion von Angst/Ängstlichkeit bei onkologischen Patientinnen und Patienten keine ausreichenden Daten vor, um eine Empfehlung für oder gegen die Anwendung zu geben.
S3-Leitlinie Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten (August 2023)
Die S3-LL Psychoonkologie weist darauf hin, dass starke Ängste bei bis zu 48% der Patientinnen und Patienten mit Krebserkrankungen auftreten. Die Angst vor dem Wiederauftreten oder Fortschreiten der Erkrankung spielt dabei eine besondere Rolle (bis zu 32%).
Es ist dabei wichtig zu wissen, dass mehrere psychische Belastungen gleichzeitig vorliegen können, welche die Ratsuchenden insgesamt stark belasten, von denen aber jede Belastung für sich genommen unterschwellig sein kann (subsyndromal).
Unabhängig vom Belastungsgrad sollen Krebspatientinnen- und Patienten Entspannungsverfahren (Empfehlungsgrad A) und psychoedukative Interventionen (Empfehlungsgrad A) angeboten werden. Psychosoziale Beratung soll allen Patientinnen und Angehörigen bedarfsgerecht und möglichst frühzeitig in allen Phasen der Erkrankung angeboten werden (Expertenkonsens).
Musiktherapie sollte Krebspatient*innen zur Reduktion von Angst, Depressivität, Stress und zur Verbesserung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität angeboten werden.
Tanz- und Bewegungstherapie kann Krebspatient*innen zur Reduktion von Schmerz, Stress und Angst sowie zur Steigerung der Lebensqualität angeboten werden.
Kunsttherapie kann Krebspatient*innen zur Reduktion von Angst, Depressivität und Stress angeboten werden.
Eine Behandlung situativer Ängste bei Krebspatient*innen „sollte interdisziplinär und multimodal erfolgen".
Als psychopharmakologische Behandlung situativer Ängste können bei sorgfältiger Indikationsstellung anxiolytisch wirksame Substanzen über kurze Dauer angeboten werden – z. B. Benzodiazepine mit raschem Wirkungseintritt (Alprazolam, Lorazepam) oder, zur längerfristigen Behandlung, Antidepressiva mit anxiolytischer Wirkung (z. B. Paroxetin, Venlafaxin, Mirtazapin).
Erweiterte S3-Leitlinie Palliativmedizin bei nicht heilbaren Krebserkrankungen ( September 2020)
Die S3-LL Palliativmedizin regt für die Kommunikation in der palliativmedizinischen Versorgungssituation folgendes an: „Alle Berufsgruppen, die an der Behandlung und Begleitung von Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung beteiligt sind, sollen die Patienten empathisch begleiten und ernst nehmen sowie für Anzeichen von Angst sensibilisiert sein." Zudem sollen alle Beteiligten „in ihrer Beziehungsgestaltung durch ihre Wortwahl und Haltung … stützend und Vertrauen stärkend sein". Eine unnötige, angstauslösende oder -verstärkende verbale und non-verbale Kommunikation soll vermieden werden."
Sie empfiehlt zudem, dass die an der Behandlung Beteiligten einen psychiatrischen/psychotherapeutischen Experten hinzuziehen sollten, wenn nach Ausschöpfung aller eigenen Ressourcen im Team Unsicherheiten in Diagnose oder Behandlungsplanung bestehen, eine komplexe psychiatrische Vorgeschichte vorliegt oder eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung besteht. Liegen unkontrollierte Symptome wie Schmerz, Atemnot, Übelkeit oder Delir vor, die belastende Angst verursachen, sollen diese zuerst oder gleichzeitig behandelt werden.
Eine medikamentöse Therapie mit anxiolytisch wirksamen Medikamenten soll Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung angeboten werden, wenn nicht-medikamentöse Maßnahmen nicht möglich sind, um eine nicht-medikamentöse Behandlung zu ermöglichen, oder wenn die bisherige Behandlung nach Angaben der Patienten zu keiner ausreichenden Minderung der Symptome geführt hat