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Kompetenznetz KOKON

Mukositits

# Einleitung

Die Mukositis ist eine typische Nebenwirkung tumorspezifischer Therapien, insbesondere nach Strahlen- und Chemotherapie aber auch in Folge von Molekularen Therapien wie z.B. EGFR-Inhibitoren oder -Antikörper. Je nach Ort des Auftretens der Schleimhautschädigung unterscheidet man verschiede Mukositiden: Orale Stomatitis, ösophageale Mukositis, gastrointestinale Mukositis, Proktitiden oder auch vaginale Mukositis. Ob eine Mukositis auftritt und mit welchem Schweregrad hängt von dem schleimhauttoxischen Potential der Substanz, von der Dosis einer Chemo- oder Radiotherapie ab und inwiefern Schleimhäute in das Strahlenfeld eingeschlossen sind. Für die Klassifizierung der Schweregrade eignet sich die CTC-/ und RTOG-Gradeinteilung. Eine differenzierte Darstellung zur Erhebung und Graduierung, sowie zu prophylaktischen Maßnahmen und zur Therapie der Mukositis finden sich in der aktuellen S3-Leitlinie Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen (2025)

# Wissen aus klinischen Studien

Die Auswertung der klinischen Studien zu den einzelnen Verfahren ergibt folgendes Bild: 

1) Prophylaxe der Radiotherapie-assoziierten Mukositis:

  • Anhaltspunkte für eine Wirksamkeit für: Aloe Vera Mundspüllösungen, Kurkumin, 2%iges-Calendula-Extrakt-Gel, orale Zinksubstitution und Zink-haltigen Mundspüllösungen, Honig

  • Hinweise für eine fehlende Wirksamkeit für: Caphosol-Mundspülungen und systemische Vitamin E Substitution

  • Die Studienergebnisse waren widersprüchlich oder nicht aussagefähig für: Gelee Royal, Kamillosan Liquidum, Kanuka/Manuka Öl, Selenmethionin

2) Prophylaxe der Chemotherapie-asssoziierten Mukositis:

  • Anhaltspunkte für eine Wirksamkeit für: Kryotherapie bei Bolus-5-FU sowie HD-Melphalan im Rahmen der SZT, für Melatonin, Rhodiola algida, Salbei (topisch), für topisches Vitamin E, für orale Zinkgabe und Zink-haltige Mundspüllösungen.

  • Hinweise für eine fehlende Wirksamkeit für: Kamille-Extrakte bei Bolus 5-FU

  • Die Studienergebnisse waren widersprüchlich oder nicht aussagefähig für: Achillea millefolium (Schafgarbe) Mundspüllösung, Caphosol bei der SZT, Gelee Royal, Glutamin oral, für ein Kombinationshydrolat aus, aus Salbei-, Pfefferminz- und Thymian-Tee, Kamillosan Liquidum, 1%ige Kamilleextraktelösung bei der SZT, Kanuka/Manuka Öl, Selenmethionin bei Radiochemotherapie und SZT, Tretinoin (Vitamin A) durch die Therapien bei autologer und allogener Stammzelltransplantation.

3) Therapie der Radiotherapie-assoziierten Mukositis

  • Die Studienergebnisse waren widersprüchlich oder nicht aussagefähig für: Achillea millefolium (Schafgarbe) Mundspüllösung, Gelee Royal

4) Therapie der Chemotherapie-assoziierten Mukositis

  • Die Studienergebnisse waren widersprüchlich oder nicht aussagefähig für: Gelee Royal

# Aussagen in deutschsprachigen Leitlinien

S3-Leitlinie Supportive Therapie bei onkologischen Patienten (2025)

Prophylaxe:

  • Empfehlung zahnärztliche Maßnahmen vor Beginn der Therapie (bspw. Glättung scharfer Kanten, Versorgung von Schleimhautdefekten, Fluoridierung) und während der Therapiephase:

    • eine standardisierte Mundpflege, mit weichen Zahnbürsten und interdentaler Reinigung mit Zahnseide

    • die Vermeidung von scharfen, heißen oder säurehaltigen Nahrungsmitteln und/oder Getränken

    • mehrfach tägliche Mundspülungen mit Wasser oder physiologischer Kochsalzlösung und

    • regelmäßige klinische Untersuchungen der Schleimhäute („soll“ Empfehlungen).

  • Aufgrund der Studienergebnisse gibt sie keine allgemeinen Empfehlungen für oder gegen das Spülen mit anderen Substanzen (bspw. Natriumhydrogencarbonat, Calciumphosphat).

  • Zur Prophylaxe der radiotherapieassoziierten oralen Mukositis empfiehlt sie Mundspülungen mit Benzydamin („sollte“).

  • Natürlicher Honig kann zur Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis eingesetzt werden. Manuka-Honig "soll nicht" zur Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis eingesetzt werden. Für die Anwendung von Honig bei chemotherapieassoziierter Mukositis liegt keine ausreichende Evidenz vor.

  • Glutamin oral "kann" zur Prophylaxe der radiogenen und chemotherapie-bedingten Mukositis angeboten werden.

  • Glutamin intravenös "soll nicht" zur Prophylaxe der oralen Mukositis bei HSZT (mit oder ohne Ganzkörperbestrahlung) angewendet werden.

  • LLLT (low level laser therapy / Photobiomodulation) "kann" zur Prophylaxe der oralen Mukositis im Rahmen der Stammzelltransplantation mit einem der vorgeschlagenen Protokolle durchgeführt werden.

  • Orale Kryotherapie (Lutschen von Eiswürfeln) über 30 Minuten „soll" zur Prophylaxe der oralen Mukositis bei Bolusgabe von 5-Fluorouracil angewendet werden (Empfehlungsgrad A).

  • Orale Kryotherapie (Lutschen von Eiswürfeln, 30 Minuten) „sollte" zur Prophylaxe der oralen Mukositis bei Patient*innen mit HSZT und Hochdosis-Melphalan-Konditionierung (mit oder ohne Ganzkörperbestrahlung) angewendet werden.

  • Zur Anwendung von Kryotherapie in der Prophylaxe der radiogenen oralen Mukositis liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.

  • Antibiotische oder antimykotische Mundspüllösungen sollen nicht zur Prophylaxe der oralen radiogenen Mukositis eingesetzt werden.

  • Sucralfat oder Misoprostol „sollen nicht" zur Prophylaxe der oralen radiogenen Mukositis eingesetzt werden. Für die Chemotherapie-induzierte Mukositis liegen keine ausreichenden Daten vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz auszusprechen.

  • Keine Empfehlungen für oder gegen Aloe Vera, Kamille, Kefir, Manuka-/Kanuka-Öl, Speichelersatzmittel, Vitamin A.

  • Von Mündspülungen mit Sucralfat rät die S3-LL ST ab („soll nicht“ Empfehlung).

Therapie

  • Zur Therapie der radiotherapieassoziierten Mukositis: regelmäßige Untersuchungen der Mundhöhle (Schmerzen, Schluckbeschwerden, Superinfektion) sollen durchgeführt werden, um eine frühzeitige symptomorientierte und antiinfektive Therapie zu ermöglichen.

  • Bei leichten Schmerzen „sollen" primär topische Schmerzmittel eingesetzt werden, z. B. eine Spülung mit 0,2%iger Morphin-Lösung („kann").

  • Bei moderaten Schmerzen „sollte" bereits eine systemische Schmerztherapie erfolgen. Sucralfat „soll nicht" eingesetzt werden.

  • Für die Anwendung von photobiomodulierender Therapie (PBM) zur Therapie von oraler Mukositis bei Chemotherapie liegt keine ausreichende Evidenz vor, um eine Empfehlung für oder gegen den Einsatz zu rechtfertigen.

  • Mundspülung mit Doxepin (0,5 %) kann bei Schmerzen durch orale Mukositis nach Chemotherapie angewendet werden.( OFF-LABEL)

S3-Leitlinie klinische Ernährung in der Onkologie (2026)

Die Leitlinie legt den Schwerpunkt auf eine individuelle ernährungstherapeutische Betreuung bei Patientinnen und Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren unter Radiotherapie oder Radiochemotherapie, um Gewichtsverlust und Therapieunterbrechungen durch Mukositis zu vermeiden.

Patientinnen und Patienten mit Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich sollen eine individuelle Ernährungstherapie und – bei unzureichender Nahrungsaufnahme – eine Eskalation nach dem Stufenschema Ernährung erhalten, um den Energie- und Nährstoffbedarf zu sichern, das Gewicht und die Lebensqualität zu verbessern und eine Unterbrechung der Bestrahlung zu verhindern.

S3-Leitlinie Komplementärmedizin bei onkologischen Patienten (2024)

Therapie

  • Keine Unterscheidung zwischen Prophylaxe und Therapie.

  • Laut der Leitlinie „kann“ Selen bei Selendefizit für die radiogene Mukositis des Beckenbereichs und des Mundbereichs „eingesetzt werden“. Ausgenommen werden die Mukositis bedingt durch die Therapien bei Hochdosis-Chemotherapie- und der allogenen Stammzelltransplantation.

  • Bei der strahleninduzierten Mukositis „kann“ Zink erwogen werden. Vitamin E. „soll nicht eingesetzt werden“.

  • Bei der Chemotherapie-induzierten Mukositis empfiehlt sie, dass Zink „nicht eingesetzt werden soll“ und Vitamin E. „nicht eingesetzt werden sollte“.

  • Keine Empfehlung für oder gegen den Einsatz von Kurkumin aufgrund nicht ausreichender Daten.