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Fatigue

# Einleitung

Fatigue steht als Sammelbegriff für Symptome der Müdigkeit, Kraftlosigkeit, Erschöpfung und mangelnde Energiereserven. Von allen Symptomen und Beschwerden, unter denen Krebspatientinnen und -patienten leiden, sind die der Fatigue die häufigsten und belasten die Betroffenen am stärksten.

Fatigue schränkt die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit vieler Betroffenen ein, bis hin zu Berufs- und Erwerbsunfähigkeit und stellt einen unabhängigen Risikofaktor für eine erhöhte Morbidität und Mortalität dar.

Trotz der Verbreitung nehmen Behandler das Ausmaß der Belastungen im onkologischen Versorgungsalltag nicht ausreichend wahr und unterschätzen die Behandlungsbedürftigkeit. Fehlende Zeit und der Mangel an Kenntnissen über ursächliche Zusammenhänge, diagnostisches Vorgehen und Therapiemöglichkeiten sind häufige Gründe dafür. Zudem sprechen Betroffene die Beschwerden oft nicht an, weil sie diese als ‚zur Krankheit und Therapie gehörend‘ betrachten.

Fatigue entsteht durch multikausale Vorgänge, die durch den Tumor oder die Therapie bedingt sein können. Sie können aber auch Ausdruck einer genetischen Disposition, somatischer oder psychischer Erkrankungen, oder verhaltens- oder umweltbedingter Faktoren sein.

Das Zentrum der Therapie bilden nicht-medikamentöse Therapieansätze. Sie können in begründeten Einzelfällen durch Medikamente ergänzt werden. Nach allen Kenntnissen sollte die Behandlung frühzeitig beginnen, um einer möglichen Chronifizierung entgegenzuwirken.

# Wissen aus klinischen Studien

Die Auswertung der klinischen Studien zu den einzelnen Verfahren ergibt folgendes Bild:

# Aussagen in deutschsprachigen Leitlinien

S3-Leitlinie Komplementärmedizin bei onkologischen Patienten (2024)

  • Körperliche Aktivität und Sport sollen zur Behandlung und Prävention von Fatigue empfohlen werden.

  • Während und nach Abschluss der Chemo-/Radiotherapie soll körperliche Aktivität, sollte TaiChi, Qigong und Yoga zur Senkung von Fatigue empfohlen. MBSR, Akupunktur, Akupressur, ein individualisiertes multimodales komplementärmedizinisches Therapieangebot sowie eine anthroposophische Komplexbehandlung können zur Senkung von Fatigue angeboten werden.

  • Es kann Ginseng eingesetzt werden.

  • Aufgrund nicht ausreichender Studienergebnisse kann keine Empfehlung für oder gegen Bryophyllum, Carnitin, Kunsttherapie, Meditation, Schwedische Massagen und Zink gegeben werden. Carnitin sollte zudem nicht in Kombination mit einer taxanbasierten Therapie gegeben werden.

  • Eine Bioenergiefeldtherapie sollte nicht durchgeführt werden. Guarana-Trockenextrakt sollte ebenfalls nicht zur Verbesserung Chemotherapie-bedingter Fatigue eingesetzt werden.

Erweiterte S3-Leitlinie Palliativmedizin bei nicht heilbaren Krebserkrankungen (2020)

Diagnostik

Bei Patientinnen und Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung und Fatigue soll differentialdiagnostisch geprüft werden, ob die Symptomatik durch eine behandelbare Ursache verursacht wird (z. B. eine Depression oder Medikamentennebenwirkungen).

Screening für Fatigue sollte Fragen zu Schwäche und Müdigkeit enthalten wie „Fühlen Sie sich außergewöhnlich müde und/oder schwach?" oder „Wie müde sind Sie? Wie schwach sind Sie?" Die Erfassung von Fatigue soll zu Beginn und im gesamten Erkrankungsverlauf wiederholt erfolgen.

Ursächliche Therapie

Liegen behandelbare Ursachen einer sekundären Fatigue vor, z. B. Anämie, Depression, Infektionen, Dehydratation, Unterernährung, Hyperkalzämie, Hypomagnesämie oder sedierende Medikamentennebenwirkungen (etwa durch Opioide), sollten diese vorrangig behandelt werden.

Nicht-medikamentöse Therapie

Patientinnen und Patienten mit Fatigue sollten ein regelmäßiges aerobes Ausdauer- und Krafttraining, psychoedukative Verfahren (insbesondere kognitive Verhaltenstherapie) sowie eine Beratung zu Strategien zum Energiemanagement und zur energieadaptierten Tagesstruktur angeboten werden.

Medikamentöse Therapie

In der palliativmedizinischen Versorgungssituation können „off-label" Therapieversuche mit Methylphenidat, Modafinil oder Kortikosteroiden erwogen werden. Ein Therapieversuch mit Kortikosteroiden sollte dabei aufgrund potentieller Nebenwirkungen zeitlich begrenzt erfolgen. Erythropoetin zur Behandlung von Fatigue sollte aufgrund einer ungünstigen Nutzen-Risiko-Abwägung nicht zum Einsatz kommen.

In den letzten Tagen oder Wochen des Lebens sollte die Indikation für die Fatigue-Behandlung überprüft werden, um unnötige Belastungen durch die Behandlung selbst zu vermeiden.


S3-Leitlinie Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten (2023)

  • Vor allem bei anhaltenden Schmerzen, starker körperlicher Symptombelastung oder Fatigue sollen die psychische Belastung sowie das Vorliegen einer psychischen Störung abgeklärt werden.

  • Entspannungsverfahren sollen Krebspatient*innen unabhängig vom Belastungsgrad zur Reduktion von Angst, Depressivität, psychischer Belastung, Fatigue und Übelkeit sowie zur Steigerung der Lebensqualität angeboten werden.

  • Psychoedukative Interventionen sollten Krebspatient*innen unabhängig vom Belastungsgrad zur Reduktion von Depressivität und Fatigue angeboten werden.

  • Psychoonkologische E-Health-Interventionen können Krebspatient*innen unabhängig vom Belastungsgrad zur Reduktion von psychischer Belastung, Depressivität, Angst und Fatigue angeboten werden.

  • Psychotherapeutische Interventionen sollten Krebspatient*innen mit einer Anpassungsstörung oder einer subsyndromalen Belastung zur Reduktion von Fatigue angeboten werden.

  • Spezifische psychoonkologische Interventionen in der Palliativphase sollen Krebspatient*innen mit einer Anpassungsstörung oder einer subsyndromalen Belastung zur Reduktion von psychischer Belastung, Depressivität, Angst und Fatigue sowie zur Verbesserung der Lebensqualität angeboten werden.

S3-Leitlinie Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms (2026)

Bei Mammakarzinom-Patientinnen soll zu körperlicher Aktivität motiviert werden. Empfohlen wird insbesondere, körperliche Inaktivität zu vermeiden und so früh wie möglich nach der Diagnosestellung zu normaler Alltagsaktivität zurückzukehren, sowie das Ziel von 150 Minuten moderater oder 75 Minuten anstrengender körperlicher Aktivität pro Woche zu erreichen.

Intensives Krafttraining gilt – auch unter Bestrahlung – als sichere und wirksame Methode zur Reduktion des Fatigue-Syndroms.

Die S3-Leitlinie Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen (Version 2.0, 2025) hat kein eigenes Kaptitel zu diesem Thema.